Der Dichter


Albert Brennink hat schon in seinen Gymnasialjahren angefangen Gedichte zu schreiben. Es ist ganz natürlich, dass eine solche Neigung in jungen Jahren weiter entwickelt wird, und dass auf die Dauer sich einiges an eigenen Werken ansammelt. So konnte er in mittlerem Alter auch einiges veröffentlichen, wovon wir hier Beispiele bringen: Gereimtes und Ungereimtes 1980, Bärentaten 1994 und Vom Umbuch der Zeit 2012. Das Letzte wurde noch nicht veröffentlicht.




ERDE

 

 

ATEM DER ERDE

 

 

Atem der Erde

wo es sich hebt

leichter Gebärde

gebiert begräbt

Atem des Meeres

Wellengang

Imaginäres

Sphärenklang

alles vermischt sich

Traum rinnt in Sand

Wellenspiel bricht sich

wechselt den Strand

 

Wellengeräusche

Sphärengesang

Wandlungen Täusche

zeitenlang

immer gestalten

immer zerstörn

immer erkalten

immer beschwörn

Möven erschwingen

den Fang den Schrei

Wellen verklingen

heran vorbei



 

 

 MORGEN IM MAI

 

 

Morgen im Mai

wenn der Thymian steigt

weißt du den Weg den Wald

blau Akelei

über Wünsche sich neigt

aus einem Einst wird Bald

 

Und du spürst

wie der Atem der Welt

wieder die Gräser berührt

du entführst

den Tag der nie hält

fühlst wie der Wald verführt

 

Birkengezweig

mit Perlen geschmückt

weiß noch von Wundern der Nacht

aus dem Bereich

der schon frühe beglückt

Tropfen erträumt erdacht

 

Fallen sie noch

und du hältst deine Hand

wieder den Bäumen hin

spenden sie doch

mit dem Morgen im Land

wieder bewusst Beginn

 



ERDE

 

 

So hast du mich wieder

Knospe und Frucht

im Schatten des Sommergezweigs

atme ich wieder

im feuchten Duft

Erde zu dir bereit

 

Blumen des Waldes

euer Erblühtsein

ist uns das schönere Sein

Rauschen des Tales

der Wasser Bemühtsein

nie ermüdender Reim

 

Erde Erde

wie denn vergäß ich

wo die Wurzeln du nährst

dein Stirb und Werde

regelmäßig

ein Jedes sich blühend erfährt

 

DIE WANDERNDEN

 

 

Glücklich die Wandernden

die über Berge gehn

werden die Zwerge sehn

eh sie zu Haus

sie die Meandernden

hören die Wasser falln

hörn aus dem Gras erschalln

Grille und Maus

 

Köstlicher trinken sie

aus der Vergänglichkeit

denn Unzulänglichkeit

steigert den Sinn

Sicher versinken sie

vor dem Gigantischen

doch die bekanntlichen

Sorgen fliehn hin

 



 

IM PARK

 

 

Im Baum ist vieles schon erwiesen

worum der Geist noch ständig ringt

Aus vielen Blättern vielen Wiesen

steigt vieler Trank für den der trinkt

 

Wo Tagesstunden mühsam klopfen

im Puls von Stadt und Straßentand

wo Zahlen sich auf Hirne propfen

Neurosen spannen bis zum Rand

 

Da mag Extrakt aus Wein und Hopfen

wohl manchen trösten – doch gebannt

fängt einer eines Baumes Tropfen

im Park in seiner hohlen Hand

 

BIRKENGRÜN

 

 

Birkenweiß Birkengrün

jugendschlank Alleen ziehn

geleiten freundlich den Fluss

Wasser klar Wasser grün

räuschevoll strömen sie hin

locken des Wanderers Fuß

 

Maienluft Maiengrün

unaufhaltsam Wellen fliehn

fort zu fernerem Strand

Birkenweiß Birkengrün

irgendwo Alleen ziehn

über Heideland

 



BERGWIND

 

 

Wind der den Rosen das Wort nimmt

Bergwind mitternachts-trächtig

eisiger Trug

Verrat

 

Nie war der Sommer so prächtig

nie war das Grün so im Recht

Rosen sommerberauscht

duft- und bienen-umwoben

Rosen im Tag

im Traum

 

Eisiger Wust

verächtlich

reißt der Sturm in die Blätter

nimmt den Rosen das Wort

 

 

 

FALLOBST

 

 

Und dann wird Herbst

und dann steigt in die Pappeln

das helle Gelb

und gelbe Birnen fallen

und in den Wiesen über Nebelstreifen

sind Kühe wie Gespenster groß

 

Und du du schaust

und siehst das Jahr entweichen

Du fühlst den Stundenfluss

die Tage stumm entgleiten

Und vor dem Dunkel naher Winterschatten

gehst du noch spät im Schauder deiner Bäume

und bringst noch Fallobst mit nach Haus

 



GLETSCHERLUFT

 

 

Bald wird Winter vom Schneegebirg

fällt schon Frostluft ins Tal

Gegen Abend ein Rabenpaar

letzter Vogelflug

 

Nimm von den Bergen die Gletscherluft

klar wie sie kommt ins Blut

Nimm aus der Luft den Vogelruf

halt dich bereit es frommt

 

Halt dich bereit für die Sternennacht

halt dich im Schweigen geübt

Wenn erst Winter die Stimmen bricht

wird es stille ganz

 

Nimm von den Bergen die Gletscherluft

nimm vom Feuer die Glut

Bald wird Winter –  Ahnst du es schon

was das Schweigen dir bringt

 

 

 

ÜBERGANG

 

 

Blätter liegen kalt noch nicht vergangen

Farben fühlen noch dem Sommer nach

der sich königlich mit Gold behangen

und dann vor dem Sturm in Stücke brach

 

Blätter sind ein Teil von diesen Stücken

werden kaum den Winter überstehn

während schon im Baum zu neuen Glücken

neue Blütenknospen Träume sän

 

Grenze schon für Blatt und Blütenraute

bleibt für Bäume bloßer Übergang

bis an jene Grenze letztgeschaute

letzter Sturm und Sturz und Untergang

 

 

STURM UND HERBST

 

 

Sturm und Herbst und alles welkt dahin

Blätter liegen braun und zum Verfaulen

Nässe peitsch die schwarzen Hunde jaulen

jagen hetzen reißen... ohne Sinn

 

Und die Herzen welken so dahin

wo sie blühen sollten – Brand aus Sommertagen –

doch sie trinken schon zu lange vom Versagen

und der Trank ist ständig am Beginn

 

Welche Worte die einst voll Gewinn

welche Lieder die ihr einst erlerntet

Ach die Felder sind längst abgeerntet

Sturm und Herbst und alles gleitet hin

 

 



PSYCHE

 

SCHATTEN-GEFÜHLE

 

 

Wenn die Gefühle dich überstürzen

weißt du dann noch ob die Luft dich trägt

Wenn sie dir den Atem verkürzen

weißt du dann was die Stunde dir schlägt

 

Jenen Gefühlen die sich so wahllos

vor eine Herzensstunde stelln

Schwärme beschwörender Schatten von zahllos

fallenden Blättern sich zugeselln

 

Schattengefühle luftdurchwoben

schweben sie noch auf Rändern von Gold

Wolkenränder nach Abend verschoben

Perlen lächelnd ins Meer gerollt

 

Rauschen der Wogen Rausch der Gefühle

wo die Tage noch warm und hell

immer schon wehen Schatten und Kühle

alle Stunden schlagen zu schnell

 

 

WÜNSCHE

 

 

Sind im Wind und sind im Wein

die so gern die Bäume biegen

die aus Träumen leicht entfliegen

leicht in Liedern leicht im Sein

 

Wünsche weisen in den Wind

weisen in die vage Bläue

wo das bleiche immer Neue

immer in die Bäume rinnt

 

Reichen weiter als der Sturm

weiter als die Sternenjahre

Und das ständig Wunderbare

baut an ständig höherem Turm

 

Und wenn jeder Turm auch bricht

alle Träume der Erwartung

nur Enttäuschung nur Entartung

ohne Wunsch selbst stirbst du nicht

 



ERKENNTNIS

 

 

Was sich die Vögel singen

was ein Liebchen dir lacht

es ist vor allen Dingen

was dann traurig macht

 

Du kommst du glaubst du verstehst es

und träumst in die Frühlingsnacht

noch weißt du nicht dass Verwestes

die Erde duften macht

 

Doch einmal wäscht die Erkenntnis

was du so lange gedacht

du vernimmst ein andres Geständnis

einen Vogel der anders lacht

EIN  LAND

 

 

Es ist eine Zeit die ich nie vergaß

die ruht mir zu tiefst im Grunde

es ist ein Land das ich nie besaß

da weilt ich so manche Stunde

Und immer wenn in der Runde

der Mittag ruht dann erwacht die Zeit

und das Land wird rot und das Land wird weit

und dann blutet die alte Wunde

 

Weißt du noch was die Ammer singt

Weißt du noch wie die Lerche klingt

das Blau und der Birkenwind

Und weißt du noch Sand wie es sonnenheiß

durch Zehen rinnt Ach ich weiß ich weiß

Sonnenbläue macht blind

 

 



 

EINSAM

 

 

Einsam wo die Vielen

nur allein am Glück

einstige Gespielen

finden nicht zurück

einstiges Vertrauen

ändert seinen Lauf

in den Nächten bauen

sich die Stunden auf

 

Stunden für die Dinge

stunden für den Traum

für das ganz geringe

Atemgehn im Raum

für den Tag die Tage

für den Weg am Wald

Stunden jeder Lage

Tag- und Traumgestalt

 

Nebel duft-umwunden

und die Sicht getrübt

teilst du deine Stunden

träge ungeübt

Teile Täusche Stücke

und wie alles lacht

doch es wurden Glücke

einsam nur erdacht

 

 

SCHWERELOS

 

 

Immer wenn ich stille liege

brechen Bäume aus der Brust und greifen

in die Haare und mit langen Streifen

reißen sie ihr Wachstum in die Krone

doch zerflattern wieder schwinden ohne

Tröstung wenn ich sie nur biege

 

Wenn ich stille liege drängen

aus den Bäumen lauter Lustgestalten

reichen mir – ich kann sie niemals halten –

Hände her Schon springt aus der Berührung

Funkenschauer und in Lustverführung

lausch ich stille den Gesängen

 

Schwerelos auf Wolkenwiege

Flüge zu entlegenen Regionen

transzendente Triebe millionen

Rausch im Überschwang Doch schon verglommen

Niedergang Die reichen Stunden kommen

ach nur wenn ich stille liege



 

O  KINDSEIN

 

 

Den Nächten entgehen den Wolken

dem Mohn und dem Rausch von Rot

entgehen und nicht verstehen

nicht wissen von Wind Verwehen

von Verlust Verstand Verbot

und dennoch über den Wolken

 

O Kindsein o Überschwänge

Wie schwingt die Schaukel in Blau

und über den Schwüngen die Klänge

die neuen noch scheuen Gesänge

schon geläutert in Frühe in Tau

O dass es doch wieder gelänge

 

 

 TRÄNEN  DES  GLÜCKS

 

 

Als ich ein Kind noch war

trieb wohl ein Schmerz mir Tränen in das Gesicht

doch ich verzagte nicht

schien mir der Großen können doch wunderbar

Da ich ein Jüngling war

trieben mir Knospen aus so manchem Gedicht

und dem helleren Licht

brachte ich Leiden und Freuden zum Opfer dar

 

Nun ich ein Mann bin lässt mich der reißendste Schmerz

trockenen Auges starren während ein Glanz

anderer Kreise das steigende Blut mir staut

Wird mir das Kreisen vertraut

Ach sie quellen ja noch die Tränen ein Kranz

für das beglücktere Herz

 



GEIST

EIN NEUES JAHR

 

 

Ein neues Jahr ein neuer Lebensgeist

Wie drängt der Tag zu steigender Vollendung

Was gestern war im Hin und Her der Brandung

wirft nun erneut die Stunde an den Strand

 

Die Bilder kreisen das Vergangene schwankt

die Spiegelung zerfällt in Perspektiven

Was einst so hoch gesellt sich zu den Niedren

und was erst keimte wird am Ende groß

 

Da steht der Mensch vor seinem Spiegelbild

und weiß nicht recht wozu es so geraten

Doch stets betritt er den erneuten Garten

und müht erneut sich in gewolltem Tun

 

 EIN  NEUER  TAG

 

 

Ein neuer Tag hat mich geweckt

Aus unbekannten Gründen

erschienen – als ob sie verstünden

was eine Dämmerung bezweckt –

Gestalten Götter mir Erschreckt

fuhr ich vom Traume auf Nun finden

sich keine mehr und unbefleckt

geh ich den Tag zu künden

 

Ein neuer Tag ein neues Licht

macht manchen Traum vergessen

Wir gehen mit und gehn wir nicht

wie oft war schon von Traumgesicht

ein Lebendes besessen

Doch Götter dämmern nicht



 

 

WORT

 

 

Wort Aus Worten wächst das werk

und wir folgen himmelskundig

Irgendwo wird einer fündig

und es ändert sich ein Wert

Was im innern Wunder wirkt

ist es nicht oft ein Verhängnis

das sich mit dem Unverständnis

früher zeit nun überwirft

 

Unverständlich ist uns vieles

doch wir gehn ihm dennoch nach

mit den Worten Vieles Grau

steht im Nebel ein gefühltes

Grün ist mehr schon Doch genau

macht ein Wort und Traum wird Tag

 

 

 

 

 

AUF DEM GIPFEL

 

 

Wer hinaufgeht kommt den Sternen näher

wer hinaufgreift grenzt an Außenraum

Stetem Steiger schwinden Baum und Traum

immer ferner lockt und warnt der Häher

Welt der Bäume Welt der bunten Häher

sinken in den letzten Nebeltraum

Über Wolken reiner Außenraum

Sterne mehren sich und kreisen näher

 

Letzte Felsentürme schneeübersteigert

spannen den Plan zu gigantischen Perspektiven

fluchtpunkt-verschoben in räumlichste Transzendenz

Maßstäbe stets übereilender Konkurrenz

treiben ins Nichts alle Ismen und Superlativen

und selbst dem Staunenden wird noch das Letzte verweigert

 

 



AN DEN GEIST

 

 

Geist reiß mich heraus aus diesem Brei

verlogener Banalitäten

Es ist gewiss auch dem Teufel nicht einerlei

wenn der Geruch von faulen Gräten

ihm ständig seines Strandes Wollust stört

doch das ist sein Bereich Was mich empört

sind keineswegs die Gaben der Empfindung

doch deren Bindung

 

Notdurft leidet der Hund ihn treibt nur Bedürfnis

zu Futternapf und Neid und Paarung

er kennt kein Ziel Doch uns sind zwischen Verwürfnis

und mancher vagen Offenbarung

viel zu viele Räume überlassen

Im Zwiespalt schleppen wir uns durch die Gassen

und jahrelang ist unser Hiersein

ein bloßes Tiersein

 

Reiß mich heraus halt mich und knote mein Haar

in die Krone deines Baumes

hoch genug denn von unten droht die Gefahr

eines Schergen eines Traumes

Wenn dann die Geisteszweige Knospen sprießen

lass hangend mich von deinem Duft genießen

und alles Denken blühe zur Bestäubung

aus Tierbetäubung

 

 

DIE WERDENDEN

 

 

Wir sind die Werdenden in eine neue Zeit

aus der Vergänglichkeit gehn wir hervor

Was wir als Seiende sahen im Gartenland

immer verschönt es noch Treue und Traum

 

Blume und Baum bilden den Treuegrund

halten den Jugendraum würzig und rein

Wasser und Waldgetier was auch die Luft belebt

alles behalten wir freundlich verwandt

 

Sind sie auch eigeschränkt in ihrer Endlichkeit

endgültig eingeplant in ihrem Kreis

sind sie doch wo sie sind immer als Seiende

immer im Glück ihrer reinen Natur

 

Wir aber werden wir gehn aus der Endlichkeit

einer vertrauteren Welt in das Freie

wagen den Jugendflug aus der Verbundenheit

wagen das Ziel und den neuen Bezug.

 

Wir sind die Neuerer über dem Zeitenraum

über dem kreisenden Raum der Natur

ist doch der Geist der uns treibt ein gewaltiger

Zwang für den Schaffenden Größe und Glück

 



 

 

 ÜBER DEN NEBELN

 

 

Über den Nebeln

muss das Licht heller sein

über den Nebeln

könnten wir klarer sehn

über den Nebeln

würden wir wahrer gehn

über den Nebeln

wer dürfte sein

 

Über die Nebel

das muss viel schneller sein

über die Nebel

kommt nur wer Sprünge tut

über die Nebel

trägt nur der Schwünge Mut

über die Nebel

wann wird das sein

 

 

 

STRANDGUT

 

 

Worte aus Wogen der Nacht

brechen Träume verschwendende Blumen

Aus ihren Heiligtumen

drängen schon Wolkenräusche der nacht

 

Wunschgebilde

nächtens gezeugt fast bezwungen

treiben auf Wellen welker Erinnerungen

stranden an fremde Gefilde

 

Ahnung geladene Fracht

Doch die Wellen verwirren verstreuen vertuscheln

Vereinzelt noch Stücke von Muscheln

Strandgut der Nacht



ZEIT

SCHWINGUNG

 

 

Schwingung ist des Lebens Würze

dieser liebt die Schwingung lang

jener in der Schwingung Kürze

spürt den ersten Aufgesang

Manchem ist sie breit und bauchig

manchem in die Haut gebrannt

hier spiralig und dort schlauchig

schwingt sich’s ohne viel Verstand

 

Wer der Wellen überdrüssig

glaubt sie seien überflüssig

hat vom Leben viel verpasst

doch wer von den niedren Hirnen

strebt zu Schwingungs-Gipfelfirnen

                        hat nicht Lust nicht Zeit verprasst

ERDENTAGE

 

 

Welt der Erdentage Wie verstricken

wir so leicht im Abseits uns Wir fahren

auf den Straßenzügen und die wahren

Lebenden stehn weit im Feld mit Glücken

die wir übersehn Wir brauchen Krücken

den Verstand zu leiten Offenbaren

Halme dünnen Grases nicht was klaren

Zahlenbildern fehlt Wer kennt die Lücken

 

Lückenhaft ist unser Sein Wir kennen

zwar das Ziel der Fahrt doch manche Reise

endet nicht wie vorgeplant Geleise

sehn wir nur noch vor uns und beim Rennen

mit der Zeit vergeht uns alle Lust.

Wer wird sich des Blütenglücks bewusst

 



 

NOCH

 

 

Noch liegt die Welt offen im Hafen der Zeit

noch steigen und wehen die Segel

noch heilige Frachten noch Ziele weit

Entdeckungen noch die Regel

 

Selbst Winde von Frühling her wecken noch gern

was in Wolken träumend geworden

vertrauen das Glück einem seltsamen Stern

mit seltsam magnetischem Norden

 

Und unwiderstehlich zieht es den Bug

durch endlose Meeresfluten

bis aller Schiffer Gedankenflug

bis alle Fernen verbluten


VERGÄNGLICHKEIT

 

 

Wo sind die Stunden

die Blüten

das Laub

wo unsre Blicke

der Kuss

 

Es geht die Vergänglichkeit

durch die Nacht

und lässt uns nur

Verlust

 

Licht und Klang jedoch

walten

im Raum

 



 

ZEITENWENDE

 

 

Winde steigen

hinter dem Aufbruch der Nacht

hinter den Schläfern der Zeit

hinter den Schränken

hinter dem Pelz dem Barock

lauert der Frühwind

lauert der Hausputz das Salz

Spinnen und Schnörkeln der Zeit

Besen des Aufbruchs

Besen des Kehrewinds

 

Winde

drohende

Wender welkenden Laubs

Wender der Zeit

Zeitenwende im Aufbruch

Nacht die den Frühling gebiert

 

Windnacht

Sturmnacht

stöhnende rauschende schreiende

herrlich befreiende

endlich gewagt

vollbracht


SPÄT

 

 

Wenn die Stunden trübe

wenn die Träume leer

graue Wolkenschübe

Einst dir nimmermehr

wenn dir selbst ganz innen

letzter Genuss verwehrt

fühlst du verrinnen

fühlst du spät

 

Die deinen Morgen begossen

die deinen Flug gelenkt

bis in die Sommersprossen

die Stürme das Blut gedrängt

die dir von Blau von Süden

die dir den Mohn gebracht

fallen in die müden

Stunden der Nacht

 

Fallen Entgehn Entgleiten

mehr und mehr bewusst

wachsen Traurigkeiten

in der Brust

Wissen um Zeitenwende

Wissen nicht was danach

nur Verlust nur Ende

und der Traum der brach

 



 

ÜBERGÄNGE

 

 

Abend und Wind und den Bäumen

verspricht auch die Nacht keine Ruh

ständig wechselst auch du

zwischen den Taten den Träumen

zwischen dem Tag und der Nacht

 

Wechsel nur Übergänge

ständig am Rande des Nichts

Doch erst die Brechung des Lichts

bildet Farbengesänge

Pracht zwischen Tag und Nacht

 

 

VERWANDLUNG

 

 

Ein letzter Halm von den Gräsern

von den Rosen ein letztes Blatt

ein letztes Duft-Erinnern

eine letzte Nacht

 

ein letztes Atemholen

still entgleitender Hauch

klingendes Schweigen

nimmt dich auf



 

HIMMELBLAU

 

 

Eichenlaub

Eschengrün

Himmelsbläue

Wolkenziehn

lieg im Grase

faul genug

folg mit Augen

Schwalbenflug

 

Schwalbenflüge

hoch und weit

Bogenschwünge

durch die Zeit

drüber hin

Düsenflug

Zeitgewinn

Zeitbetrug

 

Wolkenstrudel

sturmzerfetzt

Seelenstürze

traumverletzt

traumgeboren

traumerfunden

traumentfremdet

traumverbunden

 




Menschheits-Träume

Sensationen

Mond-Erfliegung

Millionen

Schnellheits-Räusche

Zahlenrausch

falls es stört

hilft Trug und Tausch

 

Eschenlaub

Eichengrün

unten gelbe

Blumen blühn

lieg im Grase

seh’s genau

noch ist Himmel

himmelblau

 



WELT

 

WANDERTAGE

 

 

Wolken Lüfte Wandertage

eingeengt von Vergänglichkeit

suchen sie immer in jeglicher Lage

nach dem Gesetz der Unendlichkeit

 

Immer in Wolken immer in Fernen

immer in Sphären neuer Erfindung

treiben sie hin zu fremderen Sternen

doch nie bricht die ältere Bindung

 

Sie sind die Klagen sie sind die Kläger

sie sind die Träger und sind der Ertrag

und ihre Strahlen gehn immer schräger

durch den gestundeten Reisetag

 

Dass sie nie finden trägt zwar Verdruss ein

aber die Lüfte bleiben im Lauf

Wandern und Winden würde nie Schluss sein

hübe nicht Trieb den Gegentrieb auf

 

Enden auch Wolken wasserweise

zielen auch Reisen auf Restauration

alles nur Stücke der größeren Kreise

um die zentrale Imagination

 

TRAUM-JAHRHUNDERT

 

 

Tröste die Planenden

ihr Zerwürfnis

mahlt den Humus des neuen Geschlechts

sie sind die Ahnenden

sie sind Bedürfnis

Folge und Forderung eigenen Rechts

 

Doch die Juristerei

hat sich das Unrecht

heimlich ins eigene Wappen gesetzt

während Philisterei

immer das unecht

glänzende Flirten am höchsten geschätzt

 

All die Verneinenden

alle verhindern

was nach vollendeter Blüte strebt

und die erscheinenden

Früchtchen vermindern

stets das Niveau das im Ganzen lebt

 

Golden gesegnetes

Traumjahrhundert

trägt die Perücke durchs Spiegelglas

traurig verregnetes

Ob es wundert

Auch die Planenden fressen Gras



 

STUNDE  DER  LUFT

 

 

                       Flüge sind wohl die gescheitesten

                       Räusche menschlicher Prägung

                       zeigen sie doch wie nur Luft

                       innen und außen uns trägt

                       Sie die so leicht in die weitesten

                       Räume unsre Erregung

                       mit sich entführn Unsrer Gruft

                       Täuschung im Tausch auferlegt

 

                       Nächtens in Wolken auf breitesten

                       Schwingen verliert Überlegung

                       alles Gewicht Leicht versufft

                       Stunden in Strecken zerlegt

                       Flugstunden stets auf bereitesten

                       Wellen in Flugrausch-Bewegung.

                       Ach die Stunde der Luft

                       wissen wir was sie uns schlägt

 

 

KINDERGLÜCK

 

 

Die noch dem Ball nachlaufen

Kinder Glückes im Spiel

Reifen und Wagenrad

rollen und drehn nie zu viel

 

Reiten und Peitschenknallen

Hügel hinab hinauf

Ach am Spindelrad

einst der Faden hört auf

 

Einst – Doch noch drehn die Welten

Würfel im Rosengemach

Lotto und Kinderglück

laufen dem Ball noch nach

 



 

DIE HASTENDEN

 

 

Nun zwängt schon wieder der Straßenraum

mit Straßenzaun und Straßenbaum

die Straße rollt auf Rädern

Wir sitzen darauf und jagen mit

und reißen die eigenen Wagen mit

an ihren Steuerrädern

 

Und fort ist alle Besinnlichkeit

wo die Eile den Dingen die Dinglichkeit

und den Tönen den Klang geraubt

Schon jagen sich Dunkel und Helligkeit

mit ständig gesteigerter Schnelligkeit

wird der Verkehrsstrom durchschraubt

 

Wir treiben’s nicht und wir tragen’s nicht

wir wissen’s nicht und wir fragen’s nicht

wo sich die Straße verengt

Immer hindurch durch den Zwischenraum

nur nicht dazwischen den Zwischenbaum

gewagt gejagt gezwängt

 

 

SENSATION

 

 

Saht ihr das Neue nicht

wo es hinüber geht

Alles was drüber steht

zieht es mit ein

Ist’s auch die Bläue nicht

nimmt’s doch den blauen Glanz

ins Ungenaue ganz

schamlos hinein

 

Alle versteigen sich

in die Erneuerung

und die Versteuerung

treibt die Funktion

Wenige zeigen sich

durch Überlegenheit

bleibt nur Begebenheit

und Sensation

 

Das kann sehr teuer sein

denn schon die Schnelligkeit

jagt die Gefälligkeit

aus jedem Raum

Muss alles neuer sein

kann keine Dauer sein

Blau muss stets blauer sein

trostlos der Traum



WURF DER MASCHINEN

 

 

Wurf der Maschinen

Würfe ins Glück

wieder und wieder begangen

wieder erschienen

fallen zurück

steigernd alles Verlangen

 

Steigend entgehn sie

jenem Bereich

lange gelernter Gebräuche

doch wir verstehn sie

wenn auch nicht gleich

nimm nur die Vogelscheuche

 

Diese zerfetzte

leere Figur

bringt nach maschinischer Wandlung

in das gesetzte

Bild der Natur

Zweck durch Schreckschuss-Behandlung

 


 

 

 

 Zweck steht am Anfang

 Ende heißt Ziel

 meist pekuniärer Bedeutung

 und wo sie Anklang

 finden ist viel

 leider die einzige Deutung

 

Doch die Maschine

ist auch im Recht

mit dem beglückten Erfinder

so auf der Schiene

fährt man nicht schlecht

wär auch wohl Wandern gesünder

 

Erst durch die schnelle

Automation

ohne genügende Erdung

tritt maschinelle

Fabrikation

in den Bereich der Gefährdung

 



KURZSCHLUSS

 

 

                       In tiefen schwimmt der Geist

                       auf Neptuns Zinken trägt er

                       verlebtes Leid

                       der scharfe Zacken spleißt

                       was einst viel aufgeregter

                       im weichen Kleid

                       Und links und rechts entfallen

                       nur noch Bananschalen

                       und kein Geruch

                       nicht mal ein letztes Lallen

                       begleitet den banalen

                       Gedankenbruch

 

                       Bis hierher reicht der Daumen

                       doch der ist auch geringer

                       als jene vier

                       Zum Griff nach Blatt und Pflaumen

                       gebraucht man alle Finger

                       auch am Klavier

 

 

 

Und auch in den Gedichten

                       die auf den Blanco-Blättern

                       noch gar nicht stehn

                       Sie sind nur zu verrichten

                       wenn auf den Lebensbrettern

                       sich aus versehn

                       mit Marionetten-Schnüren

                       die Schnüre der Beleuchtung

                       berühren Dann

                       dann fangen die Figüren

                       in warmer Strom-Durchfeuchtung

                       zu wackeln an

 

                       Und dann ist Kurzschluss Vage

                       hängt noch die Lieblingspuppe

                       im dunklen Saal

                       Doch du bleibst Herr der Lage

                       obgleich sie für die Gruppe

                       nun höchst fatal

 



RUMBA

 

 

Vermaledeit

    wie die Zeit

    einer Nacht

die man durchwacht

    jenen Ring

    so ein Ding

    leicht entführt

 

Für welches Geld

    aller Welt

    wer versteht

wie untersteht

    sich zu freun

    was aus Wein

    nur verführt

 

Gebenedeit

    das reicht weit

    in den Wein

der uns das Sein

    einer Nacht

    wundersacht

    mitgeteilt




Doch schon empört

    was zerstört

    jenen Ring

den man empfing

    einer Hand

    einst gebannt

    längst enteilt

 

Vermaledeit

    nichts gedeiht

    was nur lacht

in solcher Nacht

    Ring ist rund

    Stund um Stund

    rollt dahin

 

Dass sich die Zeit

    so entzweit

    und so spät

noch untersteht

    Trug zu sein

    nimmt dem Wein

    allen Sinn

 

 



Angeregt durch die Sonette an Orpheus von R.M.R. Rilke und durch die Cantos von Ezra Pound hat Brennink ein umfangreiches Werk von monologischer Dichtung verfasst. Hierbei handelt es sich um Zyklen erzählerischen oder philosophischen Inhalts. Es sind immer Zyklen in gebundener Sprache, also in Versform, wobei die Versmaße verschiedene Formen annehmen können. So ist das hier gezeigte Beispiel ganz in Sonettenform mit den strengen Endreim-Regeln komponiert. Als Beispiel zeigen wir von zehn Kapiteln den dritten Teil: "Von Nasen", den vierten Teil "Von Hunden" und den fünften Teil "Vom großen Loch".





DRITTER  TEIL

 

VON  NASEN

 

I

 

 

Charakternase: das ist die Zier

der Hunde. Es gab eine Zeit,

da auch die Menschen sich schon sehr weit

entwickelt hatten; man war im Revier

mit einem Spürsinn begabt, der sich schier

mit dem des Fuchses zu messen schien. Breit,

wie ‘Primitive’ heute noch zeigen, bereit,

zu spielen das ganze Geruchsklavier.

 

So waren die einstigen Nasen; doch dann

fing jenes Naserümpfen an,

das heut noch die Nasen der Hasen

so gänzlich beweglich macht. Wie kann

ein so sehr empfindliches Organ

noch recht funktionieren, wenn Winde blasen ?

 

 

 

II

 

 

Da durch dieses Naserümpfen ein ‘Treck’

nach oben, ins Irrationale, entsteht,

verwundert es in einer Zeit, die sich ‘spät’

zu nennen beliebt noch, dass hoch unter Deck

sich nicht nur der Zeit Duft doch auch der zeit Dreck

bemerkbar macht ? Seltsamerweise vergeht

die Rümpflust dadurch keiner Nase. Man bläht

sich aber nun auf zu ganz anderem Zweck.

 

Es dehnt, es erhöht sich – nicht ohne Komik –

der Nasenrücken zu einem Buckel.

Welch wunder-ästhetische Lösung ! Wer denkt

dabei, dass der untre Bereich, sehr verengt,

die Luft nun behindert ? Die Physiognomik

erkor sich den Höcker zu ihrem Schnuckel.

 


III

 

 

Die Adlernase ward so zum Trumpf

für eine Nasen-Elite

im Duft der großen Welt. Ob Brite,

ob Franzmann, ob Preuße ... der Nasenstumpf

dort mitten in der Visage gab Rumpf

und Nacken des Trägers ein wirkliches Güte-,

ja, Edelmanns-Zeichen; wiewohl auch im Sumpf

der Gasse manch Nasenwunder schon blühte.

 

Man fand sogar, dass in gebildeteren

Verhältnissen sich dieser Nasentyp

vererbte; es wuchs eine neue Klasse

heran. Dass die andern verwildeteren

Gesellschafter sich um die eigene Rasse

zu wenig sorgten, war dieser nur lieb.

 

 

IV

 

 

So wurde das höhere Nasen-Modell

zum höheren Lebens-Garanten, obwohl

es offensichtlich zu schmal ist: ‘Symbol

der Geistes-Elite’, des wurde man schnell

sich einig von Zürich bis Weimar. So hell

wie damals war nie noch der Geist dem ‘Sowohl-

Als-Auch’ ergebenen Bürger erschienen; denn hohl

genug dünkte ihn das erhöhte Modell.

 

Als ob sich ein Geistreiches in dem Raum,

dem viel zu schmalen, je etabliert ...

als ob in dem Höcker der Nasenwirt

den Gast aus dem Schädel bewirtet hätte.

Die daran glaubten, verloren die Wette

schon, eh sich die Säge fraß in den eigenen Baum.

 


V

 

 

Der Adler nämlich, von dem man den Schnabel kopiert,

verlässt sich aufs Auge; beim Wechsel der Winde

kann ihm so manches entgehn, was die Hinde

im Schlaf selbst wahrnimmt. Er hat das kapiert

und baut seine Schlafstätte so hoch plaziert,

dass ihn die Hunde nicht finden. Verkünde

mir nur keine Adler-Weisheit ! Die Pfründe

der Hochgebornen war'n immer schon einkalkuliert.

 

Es hat das Nach-Oben-Blicken ja längst Tradition;

und wer an der Felswand hoch über seiner Nation

im Horste sitzt, der mag – während andre die Rappen

noch mühsam zusammenzählen – die Adler-Attrappen

sich über die Türen nageln: Das Wappentier bringt

ihm klingende Münze, während es unten stinkt.

 

 

VI

 

 

Vom Schweiße nämlich, vom Körpergeruch

der mühsam sich Plagenden. Kein Verständnis

befähigt den Adler zum Eingeständnis

des eigenen Mankos; es wäre ein Bruch

im Ehrenkodex. Der bloße Versuch

schon würde geahndet; man fordert Bekenntnis

zum höheren Wert des Höheren, hat selbst ein Buch

gefüllt mit Verhaltensregeln für die Bewändtnis.

 

Es geht dabei erstens ums Abstandhalten

und zweitens um das Bedürfnis

nach Höhenluft. Hat nicht der Duft

der Großen Welt schon so manches Zerwürfnis

in gar nicht so große Welten gebracht ? Von den Alten

erinnert sich jemand des Falls der Berliner Luft ?

 

 


VII

 

 

Das war eine andere Zeit: Man errichtete

Siegessäule und Siegesalleen.

Heut kann man im Stadion noch sehen,

was Siege schon damals bedeuteten. Dichtete

nicht schon Homeros den Trick, der Troja vernichtete,

um in die List einer Geistes-Elite ? Es stehen

aus Marmor gehauene Herrschaften an den Alleen,

denen man sich nur all zu geschwind verpflichtete.

 

All zu geschwind verehrte man auch diese Nasen,

tat es noch, als in Berlin schon das Automobil

Stallgeruch mählich verdrängte. Dass einmal zu viel

von dieser Neuerung in die Alleen geblasen

und in die Nasen selbst vordringen würde, dafür

entbehrten die Adlerschnäbel das feine Gespür.

 

 VIII

 

 

Und leider fehlte es ihnen auch noch,

als sich in gar nicht viel späteren Zeiten

die Winde, die Siegesalleen begleiten,

begannen zu wenden: Man fiel in das Loch

der ersten Versuchung. Und als man sich doch

und wieder bei Kräften verführt sah, wieder zu streiten,

– noch ist es ein Rätsel, was da in die Nasen kroch –

da folgten sie einem dahergelaufnen Gefreiten.

 

Dass Generäle, Politiker und Magnaten

so wenig von Winden verstehen, hat manchen Staaten

schon manches Unheil gebracht. Der plötzliche Wechsel

der Wetterlage lag – ähnlich wie damals beim Häcksel-

motor – in der Luft; doch die Nasen-Verengung

besorgte die so fatale Geruchs-Verdrängung.

 

 


IX

 

 

Zu enge Nasen, zu enger Verstand;

das muss man sich sagen lassen.

Der Trend bei den Adlernasen-Klassen

wird oft von den anderen verkannt

durch diesen Hinauf-Blick, durch diese verdamm-

te Schwärmerei, diese sucht – gar mit nassen

anbetenden Augen – die Großen im Land

zu feiern. Es ist nicht zu fassen.

 

Und weder noch zu fassen ist auch

die selbige Attitüde

bei Leuten, die doch nicht nur ihrem Bauch

verschrieben sind. Hat nicht vor Plattitüde

schon immer die schreibende Zunft gewarnt ?

Wie leicht doch werden die Ahnungslosen umgarnt.

 

VIERTER TEIL

 

 

VON HUNDEN

 


I

 

 

Ahnungslose letzter Stunde

gehn nur die bekannten

Wege; von dem unbemannten

Raumflug halten nichts sie. Kunde

andrer Welten lässt sie runde

Augen machen, manche rannten

schon ins Wasser, andre nannten

Gott, den Herrn der Hunde.

 

Und wahrhaftig und gewiss

gibt es sie noch, ja, ich ahn es

dennoch: die ‘Domini Canes’

– immer noch von festem Biss –

spüren ihre Häs'chen auf.

Man nimmt das in Kauf.

 II

 

 

Kennst du jenes Dunkel ?

Weißt du noch die finstren Zeiten,

als schwarz-weißen Ordensleuten

jede keimende Furunkel

– und das ist nicht nur Gemunkel –

als Beweis für Besenreiten,

ja, für Höllenfürsten-Seiten-

sprünge galt ? Welch Geist-Gefunkel !

 

Und noch heut gehn in den Gassen

Prediger, Verschwörer, Spitzel;

reiben sich – welch Geisteskitzel –

dem Geruchsinn ihrer Rassen

folgend, an der Diskrepanz

zwischen Wunsch und kritischer Distanz.

 

 


III

 

 

Nicht, als ob sie Skrupel hätten,

nicht, als ob die Arroganz

sie verlassen. Auf Distanz

gehn sie nur, so weit die Stätten

der Apokalypsis retten

und vergessen machen. Ganz

offensichtlich sind die Wetten

eingestellt auf die Finanz.

 

Wer sich auf sie eingelassen,

dem hilft kein Gewitzel,

keine List; die falschen Spitzel

halten, wen sie einmal fassen,

je nach der Intelligenz

an dem Strick der Konsequenz.

 

IV

 

 

Haben sie doch jenen Satz

von der Folgerichtigkeit

feinstens ausgeschmiedet. Zeit

ist demnach, was uns der Spatz

von dem Dachfirst zwitschert; Satz-

zeichen werden eingestreut

für den Vortrag, und erfreut

folgt dem Spiel schon jeder Hosenmatz.

 

Was dem Kleinen sich so prächtig

dargestellt, zeigt – mit Verlaub

sei's gesagt – dass hier ein Raub

stattfand: heimlich, niederträchtig

pflückt man von dem jungen Bäumchen

schon das erste Blütenträumchen.

 

 


V

 

 

Blühen soll's ja nicht; nur schatten-

spendendes Bewusstsein wird

hier erwartet, man kupiert

drum die wilden Ohren. Satten

dunkelgrünen Abendschatten

wünschen sie; so okuliert

man mit Efeu, Lorbeer: kratten-

voll wird dieses Laub serviert.

 

Muss man es dem Herrn nicht danken,

wenn nach solchen paradoxen

Wachstums-Schüben manche Ochsen

sich mit ihren Lorbeerranken

gegenseitig kränzen ? Schon

spricht man dann von ew'gem Lohn.

 

VI

 

 

Ewigkeiten werden selten

ausgekostet; die des Geistes

springt so sehr, dass nur verwaistes

Leben bleibt. Man mag sie schelten

ob der Grundlosigkeit ... gelten

doch gerade, die ein Dreistes

wagten, mehr dem gang des Geistes

als die Helden unsrer Alltagswelten.

 

Man verzeiht ja drum auch denen

ihre Arroganz; doch spricht

manches dafür, dass von jenen

jeder Buchstab nicht nur nicht

fraglos anerkannt wird, doch

streng geprüft wird an dem großen Loch.

 

 

 


VII

 

 

Drum die Hunde, drum des Herrn

Spürnasen. Der beste Text

kann zur Falle werden. ‘Next’

misst man zwar nur all zu gern

nach der Quantität. Doch lern

einer mir das Einmaleins ! Verhext

aber wirklich wird's, wenn sich die Sext

kreuzt mit einem septimalen Stern.

 

Das verstehst du nicht. Weshalb

solltest du auch ? Phänomene

nimmt man wahr; und – nota bene –

gibt man ihnen wie dem Mondkalb

jenen feierlichen Glanz

einer unentschiedenen Distanz.

 

VIII

 

 

Unentschiedenheit war schon

immer ein Geschenk der Götter;

wüsste man das nicht vom Wetter,

hätte man's bei jenem Ton

wohl erfahren. Wieviel Phon

mehr verlangt die Sext, wenn sich als Retter

die Septime einschleicht ? Autonom

herrscht die Letztere, denn sie klingt fetter.

 

Übertönt die Sext sie dennoch,

liegt's nur am Volumen;

denn ihr fehlt, was manche Blumen

auszeichnet: die Farbenkraft.

Mancher glaubt wohl, dass er's schafft

gleicherweise an dem schwarzen Loch.

 

 

 


 

 

FÜNFTER TEIL

 

 

VOM SCHWARZEN LOCH

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I

 

 

Das loch, darum die Wissenschaftler stehn,

mag manchem heute enger

erscheinen als in frühern Jahren. Sänger

und Gott-Gelehrte glaubten einst zu sehn,

dass in dem Fluchtpunkt seiner Tiefe zehn

– vielleicht auch zwanzig – Linien, je länger

man es betrachtete, zusammen gehn

an einem Ort. Das ward zum Aufhänger.

 

Man wusste plötzlich, kannte ihn: Ja, dort-

hin zielen nicht die Brunnenlinien nur,

doch alles Leben, alle Kreatur;

denn dort ist der Bestimmungsort,

an welchen alle Erdgeplagten eilen,

und wo die Schattenlosen endlos weilen.

 

 

  


 

 

II

 

 

Dass solche Ortsbestimmung nicht zu halten

war, merkte man, als sich dann die Option

der Teleskope anbot. ‘Projektion

der eignen Wünsche’ hieß es bald: Die Alten,

in ihrem Heimweh, sahn schon die Gestalten

der Himmlischen dort aufkreuzen und schon

Bacchantinnen im tanz. ‘Spekulation’

sagt heut der Forschergeist zu solch verhalten.

 

Nun weiß man allerdings, dass dieser ton

nicht nur Entrüstendes im Sinne führt;

denn auch der rationalste Denker spürt

ein Andres, Weitres, eine Dimension,

die jenseits der Vernunft die instinktive

Erfahrung nutzt zur Überperspektive.

 

 

 

 

 

 

III

 

 

Man spricht vom Mythos nun, vom Sagenschatz,

vergleicht die zahlreichen Schöpfungs-Geschichten;

die Psychologen sind am Schleier-Lichten,

und – Aufgeklärter, weiß er, dass der Spatz

im Fäustchen mehr taugt als ein ganzer Platz

voll Taubenschwärmen ? – man versucht, zu sichten

das Unsichtbare; ja, hinzuzudichten

selbst scheut sich mancher nicht. Man sucht Ersatz.

 

Ersatz wozu, wo doch die Wissenschaft

heut weiß ? Wo mancher Renegat

im Recht erscheint, wo ein Apostolat

von zwei Jahrtausenden sich als verfehlt

heut zu erweisen scheint ? Der Abgrund klafft

wie nie zuvor: Man hat das All entseelt.

 

 

 


 

 

IV

 

 

Dass dadurch aber auch Endlosigkeit

hereinbrach in den Brunnenschacht,

war eine Einsicht, die nicht über Nacht

so nebenbei hier eintraf, doch die Zeit

und zweifelndes Bewusstsein noch sehr weit

beansprucht, heute noch. Der Laie macht

sich keine Vorstellung von dieser Fracht

des Denkens ... dieser Unausdenklichkeit.

 

Bei diesem letzten Wort beachte man,

dass sich die Silbe ‘aus’ sowohl als An-

fang einer neuen Denkweise als auch

als Abschluss einer Denkungsart mit Fug

und Recht verwenden lässt. Gedankenflug

entzündet oft sich am Kontrastgebrauch.

 

 

 

 

 

V

 

 

         Der Forscher – oder Jäger – der die Tiefen,

         des Loches Endlose, einst ‘ausgemacht’,

         der wurde anfänglich zwar ausgelacht.

         Doch ist's ja klar: kein echter Forscher schliefe

         mehr ohne Skrupel ein, die Stimme riefe,

         die innere: der es nicht ausgedacht

         sich hat, wohlan, so liefe-

         re den Beweis er auch !» Ward der erbracht ?

 

         Wir sahen's schon: es war mehr eine Findung

         als eine neue Theorie. Verdacht

         gab's zwar auch vorher; die Erfindung

         des Telekops jedoch hat über Nacht

         Erfahrung neu gebracht, hat manche Bindung

         gelöst, manch Glaubens-Lichtlein ausgemacht.

 

 

 

 


 

 

VI

 

 

Doch niemand hat die Sache je zu Ende,

je völlig aus-gedacht; man kann's nicht. Was seither

geschrieben wurde, gleicht dem Meer,

dem endlos wogenden. Die Einwände

der Fundamentalisten sprechen Bände

von unsicherem Geiste, denn das schwer

zu fassende lässt Kopf und Hände

bei vielen doch im Grunde leer.

 

Wir wissen, dass die Erden sich um Sonnen,

dass sich die Sterne um sich selber drehn;

doch all das wissen wir nur, weil wir's sehn

und hören können. Einsicht wird gewonnen

durch Sichtbares, und ist's auch nur ein Bild;

die Einsicht macht uns friedfertig und mild.

 

 

 

 

 

VII

 

 

Das Endlose hat keine Bilderschrift,

es fehlen alle passenden Vergleiche.

Zwar gibt es Formeln, Algebra-Bereiche,

die solch Unsägliches ausdrücken. Trifft

man aber einen Anfang, ist das Gift

schon drin; denn jene Tag- und Nacht-Gleiche

ist keineswegs ein Abbild für die weiche

Unendlichkeit, die den Beginn betrifft.

 

Kein Ende also unten; und auch dort,

am Brunnenrand, wo doch das Tagslicht ist,

kein Ende. Was den Schacht füllt, setzt sich fort

nach oben hin und steigt ins Unsichtbare.

Wer wagt, dies zu ergründen ? Eine List

der Vorstellung verheimlicht uns das Wahre.

 

 

 


 

 

VIII

 

 

Warum die Wahrheit suchen ? Fasziniert

der Blick in dieses schwarze Loch so sehr,

dass man die Welt dabei vergisst ? Das Meer,

die Schau ins Endlose, verliert,

wiewohl im Irdischen längst etabliert,

doch nichts an Attraktivität. Was schwer

zu fassen ist, geht wie der Bär

durchs Unterholz: der Raum vibriert.

 

Wir spüren das; wir haben uns ja längst

an diese Ausgeglichenheit gewöhnt,

die man – obschon bei vielen heut verpönt –

auch ‘Harmonie’ nennt. Was du denkst,

ist zwar nicht einerlei; doch die Natur

des Menschen folgt noch stets der gleichen Spur.

 

 

 

 

 

IX

 

 

Das ist es nämlich: früh geübt

im Spurenlesen, sind mit Witterung

die Irdischen begabt. Verbitterung

ist schlecht am Platze, wenn, den Blick getrübt

durch Aderlass, sich in den Busch begibt

ein Jäger, und er dann vom Ritter Un-

gemach gestellt und flugs hinausgeflippt

wird. Klingt das wie Geschichten-Klitterung ?

 

Es klingt nur so, weil uns das Bild

ein wenig strapaziert

und noch dazu extrapoliert

gelang. Er ist ja doch kein Wild,

auf das man jagt; der Bär

ist der Natur Verteidiger.

 

 

 

 


 

 

X

 

 

Dass sich der Bär, wenn du ihn suchst,

unfindbar macht, das hätte man

vielleicht dir sagen sollen. Doch seit wann

wär Neugier denn zu bremsen ? Du versuchst

ja doch den Gegenwind und fluchst,

wenn der Erschütterer dich dann

zur Flucht zwingt. Weißt du was ? Ich kann

dir Gutes tun, damit du's nicht versuchst.

 

Ich kann dir sagen von der blauen Blume,

die bei der Linde blüht, vom Heiligtume

der Jungfrau, von dem hohen Ruhme

des weißen Ritters, der den Drachen schlägt;

und von dem baum, der Brot und Trauben trägt,

kann ich dir geben täglich Trunk und Krume.

 

 

 

 

 

XI

 

 

                Bis dass du drinnen bist, bis dass du ganz

                im Klingenden verweilst. Die Übergänge

                sind nicht so schwierig, und die Überlänge

                der Wartezeit beglückt durch Resonanz

                der Bilder; denn wir steigern ja den Tanz

                von Tag zu Tag, sodass dich der Gesänge

                Gewoge hebt, dich weitet. Das Gedränge

                der Gleichgestimmten trägt dich in den Glanz.

 

                Dann magst du sehen, wie die Himmel sich

                dir auftun, Engelsscharen näher

                und näher kommen. Du verstehst, dass höher

                du stets gelangst; und bei dem Aufgebausch

                von Weihrauchwolken siehst du's dann im Rausch:

                das Unfassbare macht dich schwindelig.

 

 

 



Der folgende kurze Zyklus, gestaltet in freiem Vers, sagt viel aus über das Wesen dieser Dichtung. Es wird hier selbst einiges mitgeteilt über das Wie, wie die Texte zustande kommen und wie der Autor den Fluss der Verse in die gewünschte Form geleitet. Dass, im Gegensatz zu manch anderen heute veröffentlichten Texten, die musikalische Veranlagung hier eine wichtige Rolle spielt, dürfte eingedenk seiner großen Vorbilder – der Droste, Hölderlins und Rilkes – nicht erstaunen. Entscheidend ist die Wahl zwischen Telegrammstil und Gesang.


 

 

ALBERT BRENNINK

 

 

 

Vom Anbruch der Zeit

 

 

Enthält eine Poetologie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aufgezeichnet im Herbst 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

I

 

Im Anfang war der Vers, und nichts geschah,

ehe der Vers gesprochen. Wer ihn sprach,

wurde uns nicht gesagt. Was sollten wir auch

Namen hören? Die Vorstellung kann

nur von Bekanntem kommen. Und wo sich einst

in einer Wolke der Sprechende wissend verbarg,

können wir hier, wo es Wolken noch nicht einmal gab,

nur als Ahnende lauschen. Denn hier

liegt der Zauber der Schönheit im Anbruch der Zeit.

 

Gesprochener Vers, Wunder des Anbeginns, hier

zeigt sich des Kreativen belebende Kraft.

Hier aus dem Wurzelstock tritt das Wachstum hervor

und verwandelt das erst nur Gedachte in un-

überhörbare Sprache und wird zum Baum

einer sich weiter verzweigenden Evolution

unseres Hierseins. Im rauschenden Kronenwuchs fängt

alles zu grünen an; und Wort für Wort

drängt in den Blütenstand einer wuchernden Pracht.

 

 

                                                                                  5



Namenloses entstand einst aus einem Vers,

dem wir uns nicht entziehen können. Denn hier

gründet das Menschsein; hier, wo schon Fische im Meer,

hier, wo schon Tiere am Land sich vermehren; hier

ist es dem Menschen gegeben mit Namen den Baum,

Vögel des Waldes, des Himmels und alles was lebt,

aber auch totes Gestein zu benennen. Der Vers,

der uns den Rhythmus gab, der versah

auch mit dem Taktschlag der Zeit uns; das macht uns frei.

 

Frei im Taktschlag der Zeit, so finden wir uns

ausgesetzt im irdischen Garten, wo einst

Urwald gewesen. Die Namen sind längst

eingeprägt und registriert; und wieder schon heißt's

Apfelernte. Die Frucht, die uns einst

im Paradiese noch lockte, weil durch Verbot

unerreichbar geworden, liegt nun

auf allen Tischen; ha, angebissen, ein Fest

für die Verursacher mit dem geblendeten Blick.

 

 

6

Apfel-Ernte-Dankfest... Wurde uns nicht

von der Schlange verheißen, dass uns diese Frucht

göttliches Wissen und eine Endlosigkeit

schenken würde? Haben wir's nicht

heute erreicht schon? Im Internet ist

alles Endlosen Anfang, und Wissenschaft ist

ohne Anfang und Ende. Wer brächte uns denn

letzte Erkenntnis? Was immer geschrieben, verweilt

in dem Gedächtnis der digitalen Zeit.

 

Zeit oder Zeitlosigkeit... Was wissen denn wir

von einer Ewigkeit?  Wir können sie nicht

vorstellen uns, da als Irdische wir

nicht ohne Anfang sind. Was wäre denn auch

zu erwarten? Ist es nicht stets der Beginn,

was uns zutiefst ergriffen macht? Denk an den Tag,

jenen im Moor, als die Sonnenscheibe sich hob

und die gesamte Natur in Schweigen versank!

Welch ein Zauber waltet im Anbruch der Zeit.

 

                                                                                                     7    



 II

 

Einst aber war es ein Blitz; der verebbende Schall

rauscht noch durch manche Nacht. Wir wissen zwar nicht,

was ihn gezündet. Doch wir verstehn immer mehr,

wie daraus eine Zeit entstand, eine Zeit;

nicht nur die eine, nein hunderte, tausende: Zeit

in der unzählbaren Vielfalt unsers gestirnt

blühenden Firmaments. Wir kennen zwar nur

unser eignes Gestirn, doch vernehmen auch schon

Pendelschläge aus manch anderem Kreis.

 

Pendelschläge... Als sei diese Zeit digital

längst nicht vermarktet schon. Hier staut sich der Druck

ins Virtuelle, denn mit den Schritten der Zeit

laufen auch alle die andern im schrägen Marsch

seltsamer Hieroglyphen den Wänden entlang;

laufen sie, kommen von überall her digital

im zweifingrigen Takt, und visuell

sich vermehrend. Die virtuelle Welt

reißt uns zuletzt in den wirklichen Zeitverlust.

 

 

8

 

 

Wirklichkeit...  Kennst du sie noch, die wirkliche Zeit,

wie sie dich anschlägt, den Takt zählt, das Metronom

eingestellt auf deinen Auftrag? Du kannst sie doch nicht

ändern. Das Wirkliche wirkt

bis in die feinsten Nervenenden und trägt

dich in den Rhythmus der Sprache. Du musst

offen nur sein und dem leisesten Pendelschlag still

lauschen. Dem Zauber des Anschlags folgt alsodann,

wenn es gelingt, die Vollendung im blühenden Werk.

 

Zauber des Anschlags... Im Anfang war der Vers,

und auf den ersten folgten die vielen; und wir

waren zum Überfluss auch dabei. Doch der Strom

teilte sich; ist bei den Vielen das Versmaß schon nicht

offenbar mehr, weil uns die heile Geduld

schließlich abhanden kam, fließt ein einzelner Fluss

sanfter dem Meere zu. In Meandern erzählt

von seinem Ursprung er, vom Lauf durch die Berg-

täler und von manch schmückendem Blütenbaum.

 

 

                                                                                                     9



 

 

 

Eine Allee von Blütenbäumen und hier

mitten dazwischen der Fluss meiner Lebensfahrt.

Wie so schwierig der Anfang; im Felsengebirg

waren der Stürze viele. Dann erst im Tal

konnt ich die ersten Kräuter und Blumen dem Licht

anvertrauen, ein erster Wacholder gelang

und eine Birke. Wie war doch die Heide so still.

Dann aber nach dem Sprung war das Land so weit;

und ich pflanzte sie alle nun, Baum nach Baum.

 

Und das Wasser läuft immer noch. Mit Gemach

fahr ich stromaufwärts; ein älteres Segel empfängt

Wind aus der Gegenrichtung und lässt mein Boot

alte Vertraute begrüßen. Ein blühender Baum

nach dem andern verneigt sich, als sei ich mehr

als nur ein Vizeschöpfer. Es wurde mir doch

immer schon vorgesprochen; und wer es sprach,

gab sich wie einst bei dem ersten Anbruch der Zeit

nicht zu erkennen. Wir ahnen nur, dass einer ist.

 

 

 10

 

III

 

Wer der Ahnung nicht hat, verschöbe wohl gern

all seine Möglichkeiten in eine entfernt

winkende Zukunft; er sähe ja nicht,

wo die Zeit endet. Vielleicht auch wäre ihm dies

nicht einmal anzurechnen; denn wo sich die Zeit

einengt oder ins Weite verliert, kann noch viel

in den Leerlauf versenkt werden. Wir verstehn

von dem Zukünftigen doch nur das Hörbare. Das

wird aber durch die Ahnung erst neu benannt.

 

Weder den Ort noch die Richtung seh ich voraus;

auch schwimmt im Nebel oft noch das Gegenstück, das

gegenständlich zwar, aber den Winden gleich

wechselseitig mich hinhält. Die Ahnung erst macht,

dass sich die Schwaden verdünnen und aus dem Gemisch

regenreichen Gewölks ein wunderlich auf-

regendes aufscheint und fasziniert. Die Gestalt

tritt dann, wie lange gekannt schon, hervor, und es klingt

neu der Name durch den geöffneten Raum.

 

  

                                                                                      11




 

 

 

Neu im geöffneten Raum; doch der schreitende Vers

treibt aus dem schlafenden Untergrund die ans Licht,

die sich gerufen fühlen durch den so laut

aufgerufenen Namen. Sie sind eben nicht

taub, die im Untergrund Abgelagerten. Wir

müssen nur lauschen; und Wörter kommen und gehn,

deren Bedeutung wir prüfen und Namen im Vers

einreihen. Gültigkeit erst bringt den Sinn

neu in die rhythmisch schreitende Gestalt.

 

Rhythmus nämlich ist das Geheimnis. Wir gehn

schreitend im Takt zwar der eigenen Zeit

gradlinig vorwärts und nähern uns auch einem Ziel.

Aber der Takt der Zeit schlägt mechanisch und zählt

nur die vergangenen Schritte. Der Rhythmus jedoch

springt aus der Reihe, verbreitert den Pfad und verschafft

jene erweiterte Basis, darauf sich das Wort

aufwerfen kann in ein lebendes Bilderspiel

oder zum Tanz der verklärenden Kunstfigur.

 

 

12

 

 

 

Rhythmisch schreitender Vers ist das Unterpfand

des zu gestaltenden Bogens. Wir werfen ja nicht

in die gekürzte Form unsern Mut und auch nicht

in ein meandernd Endloses. Was denn verspricht

vom Telegrammstil man sich? vom Stotterer gar,

der lieber lautlos liest? Der verstummende Mund

lässt nur Fragende ratlos zurück, und der Ruhm

mag am Geheimnisvollen sich nähren. Gesang

kommt aber nur zustande in schwebendem Klang.

 

Darum der weit gespannte Bogen, der Wurf

in den Entdeckungsraum, wo die Kreise sich noch

lange nicht schließen. Wir stimmen ja ein

in die Vielstimmigkeit unserer Wälder, im Chor

singend die eigene Stimme. Die Polyphonie

mag sich ergänzen oder zur Dissonanz

steigern. Die wiedergefundene Singbarkeit

schwingt bis ins Übersinnliche und erlöst

selber zum Schlussakkord sich im rauschenden Meer.

 

 

                                                                                      13



 

IV

 

Lebende Lyrik ist immer Musik, denn der Takt

zieht uns voran und der Rhythmus beschwingt das Gemüt.

Wer denn wollte den Lebenslauf rückwärts, den Flug

seines beliebtesten Schmetterlings rückwärts ins Nest

seiner ursprünglichen Raupe, zurück in das Ei

darstellen, in das verstummende Schweigen, ins Nichts

einer noch blinden Vorexistenz? Musik

kann nur ins Positive sich wenden; im Nichts

hört Musik definitiv auf zu sein.

 

Darum spannen wir Bogen, der fliegende Pfeil

ist unser Zeichen. Im Höhenflug folgt ihm ein Schweif

duftender Blütenblätter. Wir mischen ja auch

manch ein Zitat und den Nachklang von der Melodie,

die sich vor vielen Jahren ins einsame Herz

eingeschlichen, mit ein in das Wagnis der Flug-

übungen einer klingenden Sprache, die nur

vorwärts will und von Ort zu Ort

neue Erkenntnis aufstellt am Wegesrand.

 

 

14

 

 

 

Denkmale bleiben zurück am Weg,

Wundmale manche. Aber auch die mit Glück

eingepflanzten, die Bäume der wachsenden Zeit

oder auch Zeitlosigkeit; denn wir wissen noch nicht,

ob sie schon Blüten streuen oder gar Frucht

bilden werden. Der immer blühende Baum

ist zwar ein Traumgesicht; doch wächst die Idee,

die unsern Weg bestimmt, aus einem Traum

eher hervor als aus denkender Intelligenz.

 

Bogenflüge der Strophen; und, wo der Pfeil

landet, ein Denkmal zum Nachsinnen. Hielten wir nicht

kurz den Atem an, schwände wohl bald der Gehalt

all der fließenden Verse durch's Murmeln der Strom-

schnellen dem Meere zu und verlör sich im gleich-

förmigen Rauschen. Wenn sich der Sinn

all der fließenden Verse nicht spielend ergibt,

mag die Musik auf dem Holzweg sein, oder ein Bild

wird im Spiegel der Sprache nicht aufgeklärt.

 

 

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Hier aber liegt der Sinn: das gegliederte Bild

wird zur gestaffelten Landschaft, darüber sich weit

schweifend der größere Bogen spannt; aus dem Rausch

schwellender Wörter wird ein Gewölk, und das Licht

sendet den Regenbogen, darunter das Wort

'Aufklärung' prangt. Wir sind zwar dem Nichts

ausgeliefert, wie man uns sagt; doch das Aug

eines geborenen Skeptikers sieht auch das Licht

einer anderen Sonne im Farbenrausch.

 

Bogen des Lichtes, den Horizont überspannt

dieses natürliche Farbenwunder; und wir

sehen darin das Spiegelbild eines den Geist

zündenden Werkes. Wer an die Dimension

außerirdischen Lichtes gerührt und den Flug

landend im Heimischen wieder beschließt, kann mit Stolz

sich seines Werks vergewissern. Der sprechende Vers

klingt in der Brust noch, und nach dem Zauber der Zeit

liegt der Vollendung Friede über dem Land.

 

 

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